Das Erbe von 1968ff. Zum Verhältnis von Klassen- und Identitätspolitik

Das Erbe von 1968ff. Zum Verhältnis von Klassen- und Identitätspolitik

»Die Linke ist ein am Boden liegender Kadaver, der stinkt.« (Jean-Paul Sartre)

I. Ein Gespenst steht still und stumm

50 Jahre 1968 – das Jahr 1969, die „Depressionsphase" (Hans-Jürgen Krahl), der Zerfall des SDS auf der Delegiertenkonferenz in Hannover November 1968. Zerstreit zwischen: antiautoritärem Aktionismus vs. „Seminarmarxismus", K-Gruppen vs. undogmatischen Kreisen.

Gegenwärtig: Proklamation, die Neue Linke habe durch Fokussierung auf Minderheiten den „Rechtsruck" ermöglicht.

II. Extrem und Wahrheit

Zwei Extreme im gegenwärtigen Erbe-Streit. Extreme 1 (klassenpolitisch): Rückkehr zu proletarischer Klassenpolitik, Neue Linke habe durch Randgruppen-Fokus die Entfremdung von proletarischen Milieus verursacht. Extreme 2 (identitätspolitisch): Klassenpolitik sei erledigt durch Barbarei Nazideutschlands, antifaschistischer Selbstschutz angebracht, oder Kritik der „imperialen Lebensweise". Beide Extreme beanspruchen das Erbe von 1968 für sich.

III. Von Kastrationsdrohungen und Mackertum

Analyse der Delegiertenkonferenz November 1968: Flugblatt „Rechenschaftsbericht" des Frankfurter Weiberrates. Christian Semler bezeichnete es als „kleinbürgerlichen feministischen Aktionswahn". Reinhold Oberlercher reagierte verbal übergriffig. Die Parole „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!" ist sowohl identitäts- als auch klassenpolitisch lesbar.

Die Sprache des Flugblattes ist Literatur, nicht nur marxistische Ableitung – Ausdruck des Leidens an den Verhältnissen der revolutionären Organisation.

IV. Das Ende ist näher als der Anfang

„Gelaber" als schärfste Formulierung des Problems. Die sich formierende feministische Kritik wurde pathologisiert; Kritisierende wurden selbst zum Problem erklärt. Die antiautoritären Theoretiker reflektierten nicht, „daß die Mittel, mit denen sie versuchen, Autoritäten abzubauen, selber wieder autoritäre Strukturen reproduzieren" (Hans-Jürgen Krahl).

Die angedachte sexuelle Befreiung (gestützt auf Freud, Reich, Marcuse) war eine Herrenphantasie. Wer Partikularinteresse als allgemeines ausgibt und die Totalität der Produktionsverhältnisse ohne sexuelle/familiäre Reproduktion thematisieren will, hat keinen Begriff von der Totalität der kapitalistischen Reproduktionsweise.

V. Das Erbe in all seiner Nachträglichkeit

Die Praktiken des Erbens sind gegenwärtig. Wenn eine bedeutende Politikerin der Linkspartei von „abgehobenen Gender-Diskursen" spricht oder „Queerfeminismus" bekämpft wird, bedarf es historischer Reflexion. Migration ist zentrales Feld. Der Gegensatz von Klassen- und Identitätspolitik ist kein geeigneter Ausgangspunkt mehr.

Es braucht einen Dialog, der dem Verdrängten ins Auge schaut. „Es steht keine Weltrevolution auf der Tagesordnung, sondern eine Aufarbeitung unserer Vergangenheit."

VI. „Mach doch mal eine Diskussionsveranstaltung"

Ankündigung der Veranstaltungsreihe im Frühjahr 2019 in Hamburg. Aufruf zum Streiten. „Niemals konsequent, je und je wieder radikal."

Schluss-Zitat: „›Alle Macht den Zwittern! (Lachen)‹ (Mehrere Genossinnen)"

Die meisten Zitate entstammen Mitschriften der SDS-Konferenz November 1968, erschienen als Film und Text unter dem Titel „Django und die Tradition". Melancholie-Passagen aus dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus.